Der Begriff SolMan Migration bezeichnet den geplanten Übergang von Unternehmen, die heute SAP Solution Manager als zentrales ALM-Werkzeug einsetzen, auf eine Nachfolgeplattform. Es geht nicht nur um den Austausch eines Werkzeugs, sondern um die Neugestaltung einer Architektur, die in vielen Fällen über mehr als zehn Jahre gewachsen ist.
SAP Solution Manager hat in typischen Installationen folgende Kernfunktionen:
Change Request Management (ChaRM). Steuerung des gesamten Change-Prozesses: von der Anforderungserfassung über Genehmigung und Transport bis zum Go-Live. ChaRM ist für viele Kunden die operative Schaltzentrale des SAP-Betriebs.
Transport Management und CSOL. Orchestrierung von Transport Requests, Verwaltung von Import-Queues, Cross System Object Lock für parallele Entwicklungslinien.
Test Suite. Testfall-Verwaltung, Ausführung und Dokumentation. Für GxP-regulierte Kunden oft ein validiertes System.
IT Service Management (ITSM). Incident- und Problem-Management, Service-Katalog, SLA-Management.
System Monitoring und Alerting. Überwachung von Systemverfügbarkeit, Performance und technischen Kennzahlen.
Je nach Nutzung umfasst eine SolMan-Migration alle oder einen Teil dieser Funktionen. Die Entscheidung, was migriert wird, wohin und in welcher Reihenfolge, ist der Kern des Migrationsprojekts.
SAP Solution Manager 7.2 läuft in der SAP Mainstream Maintenance bis zum 31. Dezember 2027. Danach ist Extended Maintenance bis 2030 möglich, aber kostenpflichtig (Aufschlag auf die Standard-Supportgebühr) und nicht für alle Funktionen garantiert.
Für Kunden mit produktivem ChaRM-Einsatz bedeutet die Deadline konkret:
Kein weiterer Funktionsausbau. SAP entwickelt die ChaRM-Funktionalität nicht mehr weiter. Neue regulatorische Anforderungen (EU AI Act, NIS2, DORA) werden in Solution Manager nicht adressiert.
Reduzierende Unterstützung. In der Extended Maintenance werden nur noch kritische Fehler behoben, keine neuen Features und keine S/4HANA-spezifischen Erweiterungen.
Wachsende Inkompatibilität. Mit jedem S/4HANA-Release und jedem SAP-Cloud-Update wächst die Gefahr, dass Solution Manager-Funktionen nicht mehr vollständig kompatibel sind.
Kompetenz-Erosion. Fachkompetenz für Solution Manager wird seltener. Externe Berater, die ChaRM-Implementierungen durchführen oder supporten können, werden rarer und teurer.
Für ChaRM-Kunden gibt es nach 2027 drei Migrationspfade:
Pfad A: SAP Cloud ALM. SAP Cloud ALM ist die von SAP empfohlene Nachfolgeoption. Sie wird von SAP strategic weiterentwickelt, ist als SaaS verfügbar und bietet gute Integration in SAP-Cloud-Lösungen. Gut geeignet für: RISE-Kunden, Kunden mit mehrheitlich Cloud-Landschaften, Kunden die keine vollständige Transport-Orchestrierung benötigen. Weniger geeignet für: Single-Landscape-Kunden mit parallelen Entwicklungslinien, Kunden mit komplexen On-Premise-Transportszänarios, Kunden die CSOL auf Einzellandschaft benötigen.
Pfad B: Third-Party-Plattformen. Rev-Trac, ActiveControl und andere Spezialisten bieten vollständige Transport-Orchestrierung, CSOL für alle Szenarien und erprobte Migrationspfade von ChaRM. Gut geeignet für: Kunden die ChaRM-Funktionen vollständig nachbilden müssen, Kunden mit Single-Landscape-CSOL-Anforderung, Kunden mit komplexen Release-Zyklen. Migration erfordert: Projektplanung, Datenmigration, Prozessanpassung, Mitarbeiterschulung.
Pfad C: Extended Maintenance SolMan. Technisch möglich bis 2030, mit zusätzlichen Kosten. Verschöbt die Entscheidung, löst das Problem nicht. Für Kunden, die 2026 oder 2027 keine Kapazität für eine Migration haben und zusätzliche Zeit kaufen müssen, kann dies eine Übergangslösung sein.
CSOL-Lücke in Cloud ALM. Die Single-Landscape-CSOL-Lücke in Cloud ALM ist das deutlichste Beispiel für eine funktionale Regression bei einer direkten ChaRM-zu-Cloud-ALM-Migration. Kunden, die heute Single-Landscape-CSOL in ChaRM nutzen, müssen eine klare Entscheidung treffen: akzeptieren sie die fehlende Funktion, kompensieren sie durch Prozess, oder wählen sie einen Third-Party-Pfad?
Zeitdruck und seine Kosten. Ein SolMan-Migrationsprojekt für einen mittelgrosssen SAP-Kunden dauert erfahrungsgemäss 9 bis 18 Monate, von der Funktionsanalyse bis zum produktiven Betrieb auf der neuen Plattform. Wer heute (April 2026) noch nicht gestartet hat, wird unter Zeitdruck migrieren. Zeitdruck in ALM-Projekten ist teuer: er führt zu unvollständigen Tests, verminderter Prozessqualität und erhöhten Risiken im Produktivbetrieb.
Sunk-Cost-Falle. Einige Kunden zögern die Entscheidung hinaus, weil sie in ChaRM investiert haben: Konfiguration, Schulung, Prozesse. Das ist rational aus einer kurzfristigen Perspektive, aber strategisch falsch. Die Kosten der Nicht-Entscheidung – in Form von späterem Zeitdruck, höheren Migrationsrisiken und reduzierten Optionen – überwiegen typischerweise die wahrgenommenen Kosten der frühen Entscheidung.
Funktionsinventar ChaRM-heute. Der erste Schritt jeder SolMan-Migration ist ein vollständiges Inventar der aktuell genutzten ChaRM-Funktionen: Was wird genutzt? Mit welcher Häufigkeit? Mit welcher Kritikalität für den Betrieb? Welche Customizations existieren? Dieses Inventar ist die Grundlage für den Lückenvergleich mit Cloud ALM und Drittanbietern.
Landschaftsstruktur als primäres Entscheidungskriterium. Die wichtigste Entscheidungsvariable ist die Landschaftsstruktur: Single-Landscape oder Multi-Landscape? On-Premise dominant oder Cloud-dominant? Diese strukturellen Fragen bestimmen, welcher Migrationspfad funktional geeignet ist. Cloud ALM ist für Multi-Landscape RISE-Szenarien gut geeignet. Für Single-Landscape On-Premise mit parallelen Entwicklungslinien ist es weniger geeignet.
Zeitplanung mit Puffer. Wer heute (April 2026) mit einer Funktionsanalyse beginnt, hat etwa 18 Monate bis zum SolMan-Wartungsende. Das ist knapp, aber machbar, wenn das Projekt zügig gestartet wird. Ein realistischer Zeitplan beinhaltet: 2-3 Monate Analyse und Entscheidung, 6-12 Monate Implementierung und Testing, 3-6 Monate Stabilisierung im produktiven Betrieb.
SolMan-Wartungsende 31.12.2027 zwingt zur Entscheidung. Cloud ALM hat Funktionslücken für Single-Landscape. Funktionsinventar und Landschaftsstruktur als Entscheidungsgrundlage.